07.08.2015

Flüchtlinge? Vor denen grause ich mich sehr viel weniger, als vor dem Mob, der gerade überall aus den Löchern kriecht!

Ich weiß, es ist ein Modethema. Und man könnte ja fast schon meinen, es gäbe überhaupt kein anderes Thema mehr und das ganze Land würde derzeit ganz übelst von Flüchtlingen überschwemmt werden. Gerne werden sie auch  - je nach Ausrichtung - als Asylbewerber oder eben sehr viel verächtlicher als Asylanten bezeichnet. Gerne ist auch von Wirtschaftsasylanten die Rede (in den 90ern hatte die NPD so einen Slogan mit "Scheinasylanten" - klang auch super griffig und war ebenso inhaltslos).

"Ich habe ja nichts gegen Ausländer/Juden/Flüchtlinge o.ä., aber ..." leitet so mancher gerne verräterisch ein. Kennen wir alle. Von eigentlich schon fast jeder Grillparty auch im persönlichen Umfeld. Der Verwender dieser Floskel leidet unter der paranoiden Wahnvorstellung, dahingehend in unserem Land keine Meinung haben zu dürfen. Deswegen sage ich: lieber Verwender der Floskel - doch, Du hast etwas gegen Ausländer/Juden/Flüchtlinge ö.ä. und das ist auch schon Dein eigentliches Problem! Aber mal ganz ernsthaft: es ist auch wirklich in erster Linie DEIN Problem! Du hast ein Problem mit Dir selber. Welches auch immer. Sprich mit Deinem Therapeuten darüber, wenn Du einen hast (wahrscheinlich nicht, denn die Aufnahme einer Therapie setzt die Einsicht des Patienten in die Notwendigkeit voraus), meinetwegen auch mit der Straßenlaterne oder Deinem Hund - aber lass mich damit in Ruhe, dass Du aus Deinem Leben nichts gemacht kriegst und daran Leute schuld sind, die bis vor kurzem noch gar nicht wussten, dass Du nichts auf die Reihe kriegst und sie dran schuld sind! Das wissen sie erst, seitdem Du und Deinesgleichen überall aus euren Löchern kriecht, die Kommentarspalten der Onlinepresse, der tagesschau online und der sozialen Netzwerke (allen voran Facebook) überrennt mit Eurem Hass und Eurer Hetze und seitdem Ihr Menschen, die gerade erst dem Krieg oder sonst irgendeinem Elend entronnen zu sein glauben, die Notunterkunft unterm Hintern anzündet!

Es mag Dir schlecht gehen, lieber Floskelverwender. Woran das liegt? Nun, ich kenne Dich und dein Leben nicht gut genug, um das abschließend beurteilen zu können. Da muss ich ehrlich mit Dir sein und ob ich so spontan eine Lösung für Dich parat hätte, kann ich Dir auch ehrlich nicht sagen. Aber ich kann Dir durchaus sagen, sogar garantieren: es liegt ganz bestimmt nicht daran, dass Menschen von außerhalb hierher kommen in der Hoffnung, ein ruhigeres Leben in Sicherheit und ja, vielleicht sogar eine gute Ausbildung und dann einen guten Job kriegen zu können. Und nein, lieber Floskelverwender, der sich im Mob wohlfühlt: sie nehmen Dir nichts weg; nicht den Job, nicht Deine Wohnung, wahrscheinlich noch nicht einmal Deine Frau (wenn die eines Tages weg sein sollte, könnte auch das durchaus an Dir liegen!). Sie kosten uns zwar Geld aber auch nicht übegebührlich und wer weiß, ob das am Ende nicht sogar eine gute Investition war. Und wenn es ganz einfach nur eine Investition in die Menschlichkeit war - das lohnt auch schon!

Wirtschaftsflüchtlinge, möglicherweise auch noch schwarze Neger, die über das Mittelmeer geschippert sind! OH GRAUS! Warum eigentlich? Was ist eigentlich schlimm daran, sich einfach nur ein besseres Leben zu wünschen, wenn man im Elend leben muss? Waren unsere vielgerühmten deutschen Vorfahren, welche seinerzeit in die USA ausgewandert sind, nicht alle aus genau dem Grund dahin unterwegs, als Wirtschaftsflüchtlinge?

Niemand von uns, weiß auch nur entfernt, was das eigentlich bedeutet, wenn das ganze Dorf die letzten Kröten zusammensammelt, damit einer von ihnen in der vagen Hoffnung auf ein besseres Leben seine Heimat verlässt und über Jahre durch die Wüste marschiert und am Ende die Kohle verbrecherischen Schleppern in den Rachen wirft, um in einem total überladenen und verrosteten Seelenverkäufer die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer anzutreten. Wenn er es überhaupt bis hierher schafft. Wir haben alle keine Vorstellung davon, was es bedeutet, entweder von Assads Truppen die Hütte unterm Hintern weggebombt oder vom IS den Kopf angeschnitten zu kriegen.

Lieber Mob, Ihr seid nur besorgte Bürger, habt Angst? Ihr wisst doch überhaupt nicht, was das ist!

Und, lieber Angehöriger des sich austobenden Mobs: Du beschwerst Dich, dass sie kein Deutsch können, dass Du ja schließlich dem Volk der Dichter und Denker angehörst und deswegen was besseres bist. Meinetwegen. Das darfst Du. Du hast eine Meinungsfreiheit. Aber wenn ich Dich und Deinesgleichen so lesen muss (und das musste ich in der letzten Zeit leider viel zu häufig), dann mache ich mir doch ernsthaft Sorgen um dieses Volk der Dichter und Denker. Das Volk der Dichter und Denker scheint absolut kein auch noch so kleines Gefühl für auch nur ansatzweise die absolut wichtigsten Grundregeln in Grammatik und Rechtschreibung zu haben. Wenn Ihr, lieber Mob, schon selber kein Deutsch könnt, dann seht es bitte auch anderen nach, wenn sie es nicht können, weil es auch nicht ihre Muttersprache ist. Und vor allem lasst Goethe und Schiller dabei aus dem Spiel!

Und wenn Du meinst, wir würde zu viele Flüchtlinge aufnehmen, dann frag mal die Leute im Libanon oder in Jordanien. Im Libanon leben ursprünglich 4,5 Mio Menschen und die haben 1,5 Mio Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen - das ist in etwa, wie wenn Deutschland 20.000.000 Flüchtlinge aufnehmen würde! DAS wär viel!

Meine Großeltern sind übrigens 1938 auch mal geflohen. Aus Deutschland. Weil es hier für sie lebensgefährlich wurde. Weil meine Oma einem falschen Volk angehörte und mein Opa sich nicht von ihr scheiden lassen wollte. Das hätte zumindest ihn gerettet und er hätte dann auch wieder arbeiten dürfen. Sie haben sich blutenden Herzens dafür entschieden, ihre deutsche Heimat zu verlassen. Und ich bin den Schweden persönlich sehr dankbar. Hätten die nämlich damals meinen Großeltern keinen Unterschlupf gewährt und sie aufgenommen, dann gäbe es mich heute nicht.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für dieses Statement!

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  2. Dazu kann man nur Amen sagen.

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  3. Auch wenn ich ihre Meinungen sehr schätze (abgesehen von ihrem Biergeschmack), so halte ich das jetzt doch für deutlich zu undifferenziert.

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  4. Ein tolles Statement! Kann ich nur unterstützen. Aber muss man denn das N-Wort unbedingt benutzen?

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