16.10.2014

"Alles muss raus" - die TV - Kritik

Für gewöhnlich fühle ich mich ja eigentlich nicht zum Filmkritiker berufen. Jedenfalls nicht öffentlich.

Bei dem am Montag und Mittwoch auf dem ZDF gelaufenen Zweiteiler "Alles muss raus" sehe ich mich allerdings doch mal genötigt, mich zu äußern, bevor irgendjemand so manches, was dort dargestellt wurde, für bare Münze nehmen sollte.

Ausweislich der Bekanntmachung im Vorspann sollte es sich um eine Darstellung verschiedener Unternehmertypen in Deutschland handeln. In Wirklichkeit - und da hat man sich keine große Mühe gegeben, das zu verbergen - sollte es wohl der Versuch einer cineastischen Aufarbeitung der Schleckerpleite werden. Nun ja ... die Strafrechtler werden mir wohl darin zustimmen, dass der Versuch keineswegs immer auch strafbar ist und so sage ich vorweg einfach mal frank und frei, dass der Zweiteiler zumindest die Kriterien an eine nicht zu übermäßig anspruchsvolle abendliche Unterhaltung erfüllte. Die schauspielerische Leistung war soweit gut, die Inszenierung als solche kann man jetzt auch nicht in Grund und Boden stampfen. Wie gesagt: unterhaltsam war es.

Die Figuren waren sowohl in Auswahl und Darstellung an die wichtigsten Klischees angepasst. Der gerade erst entlassene Knacki hatte mehr Bilder auf dem Körper, als der Louvre an den Wänden, der Sozialarbeiter war auch mal ein halbes Jahr im Bau und hat da prompt mal ein wenig Jura studiert, die junge und kecke Protagonistin auf Belegschaftsseite nahm auch dann vor dem Firmenchef kein Blatt vor den Mund, wenn der gemeinsam mit seiner Frau mal eben einen Testkauf in der Filiale durchgeführt hat (normalerweise der Super-GAU für jede Mitarbeiterin im Einzelhandel) und der Firmenchef war natürlich nicht nur der Prototyp des fiesen Kapitalisten (der irgendwie Opfer eines noch unsympathischeren jungschnöseligen Bänkers wird, der natürlich auch noch regelmäßig eine Nase Koks durchzieht) sondern auch noch bis ganz zum Ende uneinsichtig bis in die Steinzeit. Dafür ist seine Tochter - jung, voller Ideen und Charisma; jedenfalls genug, um die Gläubiger in zwei knackigen Sätzen von ihr zu überzeugen - und auf Konfrontation mit dem alten Patriarchen prompt dazu geneigt, sich wenigstens aus PR-Zwecken mit der Gewerkschaft gut zu stellen und mit unserer Protagonstin auf Belegschaftsseite zu solidarisieren und sogar bei ihrer Kündigungsschutzklage zu unterstützen.

Im zweiten Teil geht es dann in dem sagenhaften Versuch, die irrsten dramaturgischen Verknüpfungen, bei denen sich am Ende der rechtskundige Sozialarbeiter dann auch noch als der verschollene Sohn des fiesen Kapitalisten entpuppt, halbwegs in eine in 90 Minuten passende logische Reihenfolge zu bringen, wild durcheinander. Und die sympathische Unternehmerstochter ist sich schlussendlich auch nicht zu schade, mit dem smarten holländischen Investor in die Kiste zu springen. Gut, für 250.000.000,00 EUR kann man da auch mal drüber nachdenken.

Ein echtes High Light: Armin Rohde als ewig besoffener Berufsverlierer im Leben, dessen perfektes Lottosystem am Ende doch nur 3 Richtige bringt und so an die 5.000,00 EUR Investitionssumme futsch sind.

Nun ja ... so weit, so unterhaltsam oder auch nicht.

Was mir allerdings dann doch mächtig aufgestoßen ist, sind so ein paar Kleinigkeiten rund um die vielen rechtlichen Auseinandersetzungen, die in dem Zweiteiler eine Rolle spielten. Normalerweise lasse ich das weitesgehend unkommentiert aber hier waren die Fehler einfach zu viele und die dann auch noch viel zu reißerisch und krass, als dass man sie so übergehen könnte.

Da haben wir zum Beispiel die "Gewerkschaftsbeauftrage" für den Fall Faberland (so hieß der Laden in dem Film). Im Gespräch mit dem fiesen alten Kapitalisten über etwaigen Lohnverzicht der Belegschaft nimmt sie das Gespräch heimlich auf und lehnt dann jedes weitere Gespräch ab, nachdem der ihr natürlich unverblümt die eine oder andere Bestechung angeboten hat. Dass es für dieses Gespräch und damit für einen möglichen Lohnverzicht mangels Tarifvertrag überhaupt keine Rechtsgrundlage gab ... wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten? Nachher macht die selbe Gewerkschaftsbeauftragte aber ganz locker einen Deal per Handschlag mit der innovativen Tochter des fiesen Kapitalisten und das auch noch im Beisein und auf Forderung auf Wunsch der Unternehmerstochter anwesenden Protagonistin auf  Belegschaftsseite; die als dank die Hauptrolle im Werbespot kriegt. Kein Tarifvertrag, kein Gewerkschaftsgremium (oder gar eine Tarifkommission!), das da mit drüber befinden würde. Ein Deal zwischen Bossen und schon geht das.

Unsere bereits mehrfach erwähnte Protagonistin auf Belegschaftsseite begibt sich gemeinsam mit dutzenden Kolleginnen zur Gewerkschaft, nachdem sie die Kündigung gekriegt hat. Das ist prinzipiell mal keine schlechte Idee und der rechtskundige Sozialarbeiter hatte ihr ja was von Sozialpunkten erzählt, wie er in dem halben Jahr Jurastudium gelernt hatte. Leider ist sie aber nicht Gewerkschaftsmitglied, weswegen sie von der Gewerkschaftsbeauftragten mitgeteilt kriegt, sie müsse selber klagen. Das ist soweit richtig. Die Begründung aber ist eine sehr denkwürdige: "Sie müssen alleine klagen. Wegen des eingeleiteteten Insolvenzverfahrens ist eine gewerkschaftliche Sammelklage gesperrt." Eine gewerkschaftliche Sammelklage. Soso. ich weiß gar nicht, wie oft ich das schon gepredigt habe .... aber .... es gibt im deutschen Prozessrecht keine Sammelklage! Auch keine gewerkschaftliche! Und das hat auch kein Stück irgendwas mit der Einleitung des Insolvenzverfahrens zu tun! Die einzige Auswirkung, die ein Insolvenzverfahren auf einen Kündigungsschutzprozess hat, ist, dass der Prozess aus § 240 ZPO ausgesetzt wird, weil hier regelmäßig in der Folge auch Ansprüche auf Arbeitsentgelt entstehen, die dann die Insolvenzmasse betreffen. Für den Betroffenen unangenehm genug aber mehr ist es dann auch nicht.

In der Folge wird die Protagonistin auf Belegschaftsseite dann prompt nicht nur von der Unternehmerstochter in ihrem Prozess unterstützt (Frage: warum erkennt die dann nicht einfach die Klage an?), sondern tritt dortselbst auch noch als Hauptklägerin (sic!) auf. Ich habe zwar noch etwas von einer Nebenklage im Kündigungsschutzprozess gehört (was die logische Konsequenz der Existenz einer Hauptklägerin wäre) aber in Ordnung. Es soll ja unterhalten. Sehe ich ein. Ja, wirklich.
Das Urteil fällt dann auch in einem schönen großen Gerichtssaal. Ich war zugegebenermaßen noch nie im Arbeitsgericht Berlin aber ich wette, dass die da keine so schönen großen Säle haben. Und der Tenor lautet dann auch prompt, dass die Beklagten (sic!) verurteilt werden, die Klägerin weiterzubeschäftigen. Gut ... wir sind mitten in einer Kündigungsschutzsache und nicht in einem weiterbeschäftigugsantrag ... aber das lassen wir mal beiseite; jeder weiß, was gemeint ist und es soll ja unterhalten. Erwähnte ich das eigentlich schon? Die Begründung aber war toll: da sind sie wieder: die Sozialpunkte! Die Protagonistin auf Belegschaftsseite ist zwar gerade mal acht Jahre im Betrieb, alleinstehend und kinderlos und hätte damit im Verhältnis zu den vielen anderen kolleginnen, deren jahrzehntelange Betriebsangehörigkeit und deren Dasein als alleinerziehende Mütter immer wieder erwähnt werden und damit bei dieser Argumentation nicht die geringste Schnitte - aber wir haben mal wieder schön das anscheinend einzige bekannte Schlagwort aus dem Arbeitsrecht, nämlich die Sozialauswahl, erwähnt. Dass die Kleine schwanger ist und vor der Kündigung niemand auf die Idee gekommen ist, mal beim Integrationsamt nachzufragen und sich die Einwilligung zur Kündigung einzuholen, findet mit keiner Silbe Erwähnung - dabei wäre genau das doch für den Prozess geradezu die Steilvorlage gewesen. Aber wir sind zumindest auch hier gut unterhalten.

Nachdem die Protagonistin den Prozess sehr zur Freude der Unternehmerstochter gewonnen hat, wähnt der fiese alte Kapitalist plötzlich eine wahre Flut an Kündigungsklagen (sic!) auf sich zukommen. In dem Punkt kann ich ihn aber glaube ich doch beruhigen. Immerhin war die Protagonistin auf Belegschaftsseite schon bei der eigenen Urteilsverkündung, also mindestens im Kammertermin unterwegs. In Berlin würde ich mal schätzen, dass da zwischen Klageerhebung und Urteil locker 7 - 8 Monate ins Land gegangen sein dürften (Frage an die Berliner Kolleginnen und Kollegen: kommt das hin?). Wer von den anderen also bis jetzt noch keine Klage erhoben hatte (wir erinnern uns: die gewerkschaftliche Sammelklage war ja gesperrt! Sehr unterhaltsam.), dürfte die Dreiwochenfrist für die Klageerhebung definitiv verpennt haben. Doof aber unterhaltsam.

Übrigens: nachdem am Ende die Gläubigerversammlung für die Auflösung de Konzerns gestimmt hat, werden bei dem fiesen alten Kapitalisten buchstäblich die Teppiche aus dem Haus getragen und er muss auch noch höchstpersönlich seine Uhr beim Insolvenzverwalter abgeben, der diese dann wie ein Beweisstück im Krimi in eine Tüte verpackt. Gut, dass der fiese alte Kapitalist nicht nur uneinsichtig, sondern mindestens moralisch kriminell ist, haben wir ja schon sehr unterhaltsam beigebracht gekriegt. Aber dass er kurz vor dem Insolvenzantrag noch die Villa auf seine Frau überschreiben hat, scheint niemanden zu interessieren ... aber über die insolvenzrechtliche Seite möge dann doch bitte irgendein insolvenzrechtlicher Kollege eine TV - Kritik schreiben ... die Jagd ist eröffnet.






Kommentare:

  1. Barbara Kashi16.10.14, 16:00

    Flippy ich bewundere deine Geduld den Schmonzes bis zum Ende angeschaut zu haben. Ich hab mich sehr schnell weggeklickt. Dass das kein Lehrstück für Arbeitnehmer oder gar ein Werbefilm für die Gewerkschaft war, konnte man schon sehr früh erkennen. Dieser Film war eine Verarschung für alle Arbeitnehmer. Ach was, ich schreib nun nicht weiter - reg mich nur auf.

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    1. Nun ja ... was soll ich sagen? Die Schauspieler waren gut und es war unterhaltsam ... oder: ich war jung und brauchte das Geld .... oder: man kennt das doch von z.B. Autounfällen - furchtbar und grauslich; aber man kann irgendwie nicht wegsehen ...

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