27.02.2014

Krawatte abgeschnitten = Schadenersatz!

So zumindest sah es in einer zugegebenermaßen nicht mehr ganz so jungen Entscheidung mal das Amtsgericht Essen (Urteil vom 03.02.1988 - 20 C 691/87).

Das AG Essen vertrat hier die Meinung, das Abschneiden der Krawatte bedürfe auch an Weiberfastnacht der Einwilligung durch den Träger und sei auch nicht durch Brauchtum, Verkehrssitte oder ähnliches gerechtfertigt. Hier liege schlicht eine schadenersatzpflichtige Eigentumsverletzung vor, zu der auch kein Mitverschulden des Krawattenträgers angenommen werden könne, weil der Träger an Weiberfastnacht eine Krawatte getragen habe. Zwar möge es allgemeiner Tradition entsprechen, am Altweiberfastnachtstage Herren Krawatten abzuschneiden, doch beschränke sich diese Sitte jedenfalls im Essener Raum darauf, an der Arbeitsstätte oder bei Bekannten, nicht aber gänzlich Fremden, die Krawatte abzuschneiden.

Der Kläger war hier wohl ausgerechnet an Weiberfastnacht zu einem Geschäftstermin unterwegs und hatdabei gleich zwei Kardinalfehler begangen: 1. trug er eine edle Krawatte und 2. hat er sich vorher noch in ein Geschäft begeben, wo ihm die Verkäuferin und sodann Beklagte auch just mal eben zur Begrüßung die Krawatte abgeschnitten hat.

Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie sich das an der Ruhr verhält - in Köln oder Bonn hätte der Kläger jedenfalls außer schallendem Gelächter wahrscheinlich keinen größeren Erfolg im Gericht erzielt. Wer an Weiberfastnacht mit Krawatte unterwegs ist, sollte zumindest zusehen, dass es eine ganz billige und ohnehin hässliche Krawatte ist. Aber gut - die Justiz muss sich ja häufiger mal mit Krawatten beschäftigen.

Übrigens hat sich die Beklagte hier tatsächlich nicht ordnungsgemäß verhalten. nach Durchtrennung der Krawatte schuldet die Abschneiderin nämlich regelmäßig ein Bützjer* als Gegenleistung und das ist sie hier schuldig geblieben!

Vor vielen Jahren habe ich es einmal am Flughafen Köln/Bonn (der einzige Flughafen weltweit, der seine Gäste begrüßt, wie James Bond! [Ton an! Es funktioniert nur ein Mal!]) erlebt, wie drei englische Geschäftsleute Opfer einer ganzen Reihe jecker Wiever** wurden, die auch noch in Begleitung eines WDR-Kamerateams waren. Als jemand, der eine schöne Krawatte durchaus zu schätzen weiß, konnte ich deren innerlichen Schmerz durchaus nachvollziehen, als die doch recht edlen Stücke durchtrennt wurden. Nach Aufklärung über die hiesigen Bräuche durch mich machten die drei Jungs allerdings das einzig Richtige: sie nahmen ihr Bützjer in Empfang und kauften sich im Flughafenshop neue Krawatten.

Zu Karneval und Justiz siehe auch den Blog des Kollegen Burhoff.

*rhein.: Küsschen
** rhein.: verrückte Frauen

Kommentare:

  1. Jedenfalls als Juristen wollen wir doch aber das "s" in Schadensersatz nicht vergessen. ;-)

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    1. Der Duden lässt beides zu (ok, das heißt heute nichts mehr ...) und ich halte mich da an die Form, wie sie früher im BGB verwendet wurde (so als Jurist) ;-)

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