Wie Kollege Vetter berichtet, gibt es mal wieder eine Neuauflage des ewigen Streites, ob der Anwalt im Gericht eine Krawatte zu tragen hat, oder nicht.

Derartige Streitigkeiten ergeben sich in schöner Regelmäßigkeit, wenn Kollegen die Meinung durchsetzen wollen, es gebe keinerlei gesetzliche Grundlage für die Pflicht zum Tragen eines Binders. Interessanterweise finden sich auch jedesmal die passenden Richter dazu, die ebenfalls meinen, sie müssten den betreffenden Anwalt erziehen. Hier am Ort gab es mal eine Geschichte, in der sich dieser Streit über mehrere Verhandlungstermine hinzog und in einem Ablehnungsgesuch wegen Befangenheit endete, der natürlich zurückgewiesen wurde. Auch die Hilfsangebote der vielen Kollegen, die sich bereits ihre eigenen Krawatten vom Hals rissen, um sie dem betreffenden Kollegen zu leihen, wurden zurückgewiesen - man kann sich vorstellen, dass die Stimmung mehr als nur vergiftet und das für den Mandanten auch nicht besonders vorteilhaft war; nicht zuletzt, weil dieser ja auch immer wieder vollkommen umsonst zum Termin kam, weil sein Anwalt sich weigerte, diesen blöden Kulturstrick um den Hals zu binden.

Unter uns gesagt: ich will mich hier jetzt nicht entscheiden müssen, ob in diesen Fällen jetzt der Richter oder der Anwalt kindischer ist.

Die Bekleidungsfrage wird übrigens von Gericht zu Gericht unterschiedlich gesehen. An manchen wird es strenger gesehen und bei anderen wiederum hat man den Eindruck, das Gericht ist schon fröhlich, wenn die Anwälte überhaupt was an haben. Auch die Frage nach der Robenpflicht wird unterschiedlich streng gehandhabt; in den meisten Arbeitsgerichten im Ruhrpott ist die Robe eher eine seltene Erscheinung bzw. erkennt man den auswärtigen Anwalt auf den ersten Blick daran, dass er eine Robe trägt. Ähnliches hörte ich auch über einige Amtsgerichte in Berlin.

Ein Berliner Kollege erzählte auch mal die schöne Geschichte, wie er in der Hektik schlicht seine Robe vergessen hatte und dies auch entschuldigend direkt zu Beginn der Verhandlung vortrug. Daraufhin riss sich die Richterin ihrerseits die Robe vom Leib und rief aus "In Anbetracht der hohen Außentemperaturen - Robenbefreiung für alle!" Ich selber hatte mal beim Amtsgericht Bonn einen Gegenkollegen, dessen Koffer schlicht den Zugang verweigerte, weswegen er nicht nur nicht an seine Robe kam, sondern auch den Akteninhalt aus dem Gedächtnis herleiten musste; was soll man da schon machen? Aber immerhin hatte er eine Krawatte um. 

Man kann zu dem Thema wohl jede Auffassung vertreten und es wird wohl auch für jede Position gute Argumente geben. Ich selber meine, es gehört eben irgendwie dazu. Jeder Beruf hat seine ganz eigene Art von Berufstracht und im Ergebnis ist der Anzug mit Krawatte und Robe auch nichts anderes, als der Blaumann; nur eben nicht ganz so ölverschmiert. Also halte ich mich dran und achte sogar darauf, dass die Krawatte in einem dezenten hellen Farbton gehalten ist. Für alle Fälle habe ich in Gerichten, in denen ich vorher noch nie war, vorsichtshalber sogar eine weiße Krawatte in der Tasche; ich brauchte sie noch nie aber man kann ja nie wissen! 

Ich konzentriere mich nämlich eigentlich im Termin ganz gerne auf die Sache, statt einen Kleinkrieg wegen der Kleiderordnung vom Zaun zu brechen.