08.08.2011

Gerichtssprache ist deutsch - nicht unbedingt hochdeutsch!

Die Sache mit der Gerichtssprache ist in Deutschland zwar gesetzlich geregelt, kann aber durchaus einer unterschiedlichen richterlichen Auslegung unterfallen.

§ 184 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG) ist hier eigentlich - so sollte man meinen - ziemlich deutlich:
Die Gerichtssprache ist deutsch. Das Recht der Sorben, in den Heimatkreisen der sorbischen Bevölkerung vor Gericht sorbisch zu sprechen, ist gewährleistet.

Lassen wir die Sorben mal außen vor, die am äußersten östlichen Rand der Republik leben und erstaunlicherweise im Gegensatz zur dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein in Sachen Gerichtssprache Minderheitenschutz genießen.

Ich selber habe in Sachen Gerichtssprache schon so einiges erlebt.

Beim AG Dippoldiswalde (ja, ich musste selber auch zunächst Google Earth bemühen, um zu sehen, wo das ist ...) hat die Vorsitzende glücklicherweise in einer Art hochsächsisch verhandelt - ganz im Gegensatz zur Gegenkollegin, für die ich gerne einen Dolmetscher beantragt hätte.

Beim LG München I sprach man etwas, dass ich bei einiger Konzentration als deutsch identifizieren konnte - böse Zungen behaupten ja, Bayern und damit auch die Landeshauptstadt gehörten ohnehin nicht zu Deutschland; ob also § 184 GVG hier überhaupt gilt, ist noch die Frage.
Die Akteure beim LG und beim OLG Hamburg waren gut zu verstehen - die Hanseaten haben eben eine gepflegte Sprache!

Bei den Arbeitsgerichten im Ruhrpott und in Bielefeld stellt die Sprache auch kein größeres Problem dar, solange man nicht allzu sehr auf die Grammatik schielt.

Beim LAG Düsseldorf bekam die Frage der Gerichtssprache tatsächlich mal eine zentrale Bedeutung. In einer betriebsverfassungsrechtlichen Sache ging es um die genaue Tätigkeit diverser auf Arbeitgeberseite tätiger Personen. Einer davon war nach Aussage des Arbeitgebers "Human Ressource Manager Key Account" Auf die energische Ansage des Vorsitzenden "OK - Gerichtssprache ist deutsch! Was ist der genau?" kam die Gegenseite ins schwimmen, weil die es auch nicht schlüssig erläutern konnte.

Hat man es beim ArbG Bonn auf der anderen Seite mit einem der ehemaligen Staatskonzerne zu tun, so könnte man bei der jeweiligen Berufsbezeichnung auch meinen, ein englisches Wörterbuch sollte weiterhelfen - tut es aber nicht, da Pseudoanglizismen nicht im Wörterbuch stehen! In der Verhandlung ist man bei denen ohnehin froh über jedes deutsche Wort, das die sprechen ...

Kommt man allerdings in die Lage, beim AG oder LG Köln verhandeln zu müssen, so ist die Kenntnis der rheinischen Mundart unabdingbar! Der Kölner an sich ist ja bekanntermaßen sehr selbstbewusst, weswegen dort nicht nur eine eigene Version der ZPO gepflegt wird (Kölsche ZPO - "Ja ich weiß, das steht so in der ZPO ... das machen wir hier aber anders ... das ist Kölsche ZPO"), sondern als Gerichtssprache auch ganz selbstverständlich Kölsch angesehen wird! Ganz gemäß dem Motto "Gerichtssprache ist deutsch - nicht hochdeutsch!" Glücklicherweise beherrsche ich diese wunderbar herzliche Sprache, was mir durchaus auch schon mal das eine oder andere Korrespondenzmandat von außerhalb einbringt, weil die auftraggebenden Kollegen mit der Kölner Gerichtssprache schlicht überfordert sind

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen