Vor vielen vielen Jahren, als ich noch Referendar bei der Staatsanwaltschaft war, bat mich eine Kollegin aus der AG, ich möge mich doch bitte anlässlich ihrer ersten Sitzungsvertetung zwecks Beruhigung der Nerven mit in den Zuschauerraum setzen - der Bitte einer lieben Kollegin kommt man natürlich nach und so setzte ich mich in den Saal.

Die Arme hatte schon den Umstand zu ertragen, dass der eigentlich vorgesehene Sitzungssaal außer Betrieb war und so die Sitzung in einen der Säle für die große Schwurgerichtskammer verlegt wurde (wohlgemerkt: als Referendare vertraten wir die StA beim Amtsgericht - Einzelrichter und ganz bestimmt nicht bei den großen Kammern des Landgerichts, wo dann auch schonmal Mord und Totschlag verhandelt werden!) hatte also für ihren ersten Auftritt ganz großes Kino einschließlich der obligatorischen Schulklasse im Zuschauerraum (ausverkauftes Haus also).

Zudem hatte sie noch einen Amtsrichter nahe an der Pensionierung - allerdings ausgestattet mit der gelassenen Routine eines erfahrenen rheinischen Richters mit eher großväterlicher Ausstrahlung. Nur des hochdeutschen war er nur sehr marginal mächtig und führte die Verhandlung (wie in Köln nicht unüblich) eigentlich maßgeblich auf kölsch (merke: Gerichtssprache in Köln ist kölsch!).

Zu allem Überfluss war dann im Saal auch noch die Lautsprecheranlage kaputt - im Saal selber ist das weniger problematisch; nur ist es dann etwas aufwendiger, Zeugen in den Saal zu rufen. Dieser Umstand wurde durch den Vorsitzenden sehr pragmatisch dadurch gelöst, dass er jeweils einen Zuschauer aus dem Publikum beauftragte, den jeweiligen Zeugen rein zu rufen - und zwar mit den Worten "Ach enä ... esch weiß et eja ooch net esu, woröm he d'r Mikros net jonn .... künne se jraad noh ens ...? D'r Mann heiß ... momendens ... Dubbeledinsky* od'r esu äähnlesch"**

Die Fälle waren eigentlich jeder für sich high lights, die sich die Redaktion von Barbara Salesch nicht schöner hätte ausdenken können.


Einer allerdings hat mir besonders gut gefallen:

Eine Dame fortgeschrittenen Alters, die sämtliche äußeren Klischees an eine Wahrsagerin bis hin zur Warze auf der Nase und dem starken ungarischen Akzent erfüllte, war wegen Betruges angeklagt. Konkret wurde ihr vorgeworfen, den Leuten weißzumachen, sie bekomme ihre Informationen direkt von Gott und dafür viel Geld einzustreichen; es verwundert an dieser Stelle vielleicht, dass die allermeisten der seitens Gott vorhergesagten Ereignisse irgendwie nicht in die Realität umgesetzt wurden ...


Die Einlassung der Angeklagten verlief dann wie folgt:

Richter: "Jo ... also ... wie war das denn jetzt genau? Haben Sie den Leuten erzählt, sie bekämen die relevanten Informationen direkt von Gott?"

Angeklagte: "Ja."

Richter: "Aha ..."

Angeklagte: "Ja aber wissen Sie, Herr Richter, das ist so: wenn Kunden kommen zu mir ich nehme Kontakt auf und frage nach Zukunft von betreffende Person. Meistens ist dann Gott, der meldet sich ... oder Jesus ... je nachdem, wer hat gerade Zeit."
(Der Referendarskollegin reißen sich die Augen auf)

Angeklagte: "Aber ist es doch nicht Betrug von mir, wenn Gott oder sein Sohn mich anlügen! Kann ich doch nicht überprüfen, ob ist wahr! Muss ich doch vertrauen auf den Herrn und manchmal er sagt ja auch Wahrheit!"

Richter (zur Kollegin): "Frau Staatsanwältin - psychiatrisches Gutachten?"

Kollegin: nickt mit dem Kopf und wischt sich die Tränen aus den Augen

Übrigens ist es durchaus empfehlenswert, sich einfach mal in solche Sitzungen in Köln als Zuschauer reinzusetzen - meistens haben die einen ausgesprochen hohen Unterhaltungswert.

*Name geändert - ist doch selbstredend!
**(rheinisch) Übers.: "Ach nein ... ich weiß es ja auch nicht so, warum hier die Mikrophone nicht funktionieren .... könnten Sie dort hinten vielleicht gerade noch einmal bitte ...? Der Mann heißt ... einen kleinen Augenblick bitte ... Dubbeledinsky* oder so ähnlich"