Unter den arbeitsrechtlichen Kollegen ist die Frage recht umstritten, ob man sich als Anwalt für eine Seite, also die Arbeitnehmerseite oder die Arbeitgeberseite entscheiden muss - um es vorweg zu sagen: auch hierbei gilt die Lebensweisheit "3 Juristen, 5 Meinungen".

Sicherlich wird man hier keine allgemeingültige Regel aufstellen können und gibt es auch für jede der vorhandenen Haltungen gute Argumente. Der Anwalt, der sich entscheidet, ist nicht zwingend besser, als der ohne klare Seitenwahl - und umgekehrt.

Für mich persönlich stand die Frage eigentlich nie, weil ich meine, arbeitsrechtlich tätig zu sein heißt auch gesellschaftspolitisch tätig zu sein und da sollte man nach Möglichkeit einen Standpunkt haben, von dem aus man die Dinge betrachtet. Das heißt nicht, dass man nicht auch die hinreichende Offenheit besitzen sollte, sich in die Lage des Anderen zu versetzen - manchmal ist es gut zu wissen, wie der Gegner tickt.

Aufgrund meiner eigenen Geschichte stand für mich auch nie die Frage, auf welche Seite ich mich schlagen würde. Ich habe eigentlich nur nochmal mit 30 studiert, um Arbeitsrecht zu machen und da war auch immer klar, dass ich die Arbeitnehmerseite vertreten werde und so ist es ja dann auch gekommen.

Ich mache die Sache jetzt schon lange genug um zu wissen, dass ich mich richtig entschieden habe. Was ich in den letzten Jahren so alles an fiesen Tricks und üblen Machenschaften von der Arbeitgeberseite aus erlebt habe - ich hätte ernsthafte Schwierigkeiten, morgens in den Spiegel zu sehen, wenn ich diese Seite vertreten würde; und ich mag meinen Spiegel.

Vor Jahren sagte mal ein Gegenkollege zu mir "Herr Kollege; Sie müssen nur die Sache vom Menschen trennen, dann können Sie alles machen". Wenn er das kann, von mir aus. Ich kann das nicht und ich will das auch gar nicht können! Meine Akten haben zwar auch die übliche langweilige Färbung in beige und dazwischen ist viel Papier. Aber neben dem sicherlich notwendigen Papier sind vor allem Menschen und deren Schicksale dazwischen! 

Es geht doch in unserem Job nicht um Papier, sondern um Menschen! Na gut - das scheint nicht jeder so zu sehen ...